MIKROSKOPISCHES ZEICHNEN

Im 21.Jahrhundert sind wir bei der Bebilderung von Büchern Fotografien gewohnt. Stahlstiche oder Farblithografien sind eine Technik des 19.Jahhunderts. Trotzdem hat das Zeichnen von mikroskopischen Objekten auch heute noch seine Bedeutung, denn eine Fotografie zeigt niemals alle Einzelheiten eines Objektes - schon deshalb nicht, weil das Mikroskop eine nur geringe Tiefenschärfe besitzt. Die Mikrozeichnung ist also nicht einfach das maßstabgetreue Abbild eines Objektes, sie ist vielmehr das Ergebnis einer Zusammenschau, die sich im Kopfe des Zeichners abspielt. Bestimmungsbücher verwenden daher selbst noch heute Zeichnungen an Stelle von Fotografien!

Der wohl berühmteste Zeichner unter den Biologen war Ernst Haeckel, der 1899 eine wunderschöne Sammlung biologischer und mikroskopischer Zeichnungen unter dem Titel "Kunstformen der Natur" veröffentlichte (als Reprint unter ISBN 3-7913-1979-5, bei Prestel erhältlich). Wir zeigen hier zwei Tafeln, die Radiolarien und Foraminiferen darstellen. Schon damals warf man Haeckel vor, er habe beim Zeichnen zu sehr idealisiert, zumal man Radiolarien im Mikroskop niemals mit der Tiefenschärfe zu sehen bekommt wie auf seinen Zeichnungen. Doch das Raster-Elektronenmikroskop hat Haeckel nachträglich Recht gegeben - seine Zeichnungen nehmen in diesem Falle REM-Aufnahmen geradezu vorweg. Aber auch Amateure fertigten liebevoll Zeichnungen an: Die Tafel ganz rechts wurde von Detlev Rühman erstellt, einem der Gründer der MIKRO.

Haeckel
Radiolarien

Haeckel
Foraminiferen
Migula
Algen
Danske
Planteplankton
Voigt
Rädertiere
Rühmann
Plankton

Spätere Generationen legten bei ihren Zeichnungen zunehmend weniger Wert auf Schönheit und konzentrierten sich statt dessen mehr und mehr auf diejenigen Einzelheiten, welche für die Bestimmung der Arten wichtig sind, aber die Tradition Haeckels wirkte noch lange nach. Der Botaniker Migula (1910) versah sein Bestimmungswerk mit einer umfangreichen Tafelsammlung von teuren Farblithografien, und noch 1976 wird das "Danske Planteplankton" (ISBN 87-01-34321-1) farbig gedruckt, während Voigt seine Bestimmungstafeln für Rädertiere schon 1956 als Schwarz-Weiß-Zeichnungen herausbrachte.

Die Mikrobiologische Vereinigung verfügt in ihrer Bibliothek über zahlreiche sehr alte Bestimmungsbücher und Tafelbände, die natürlich taxonomisch längst überholt sind. Es macht jedoch auch heute noch Freude, diese alten Werke zur Hand zu nehmen, denn der Betrachter spürt noch immer, mit welcher Sorgfalt, mit welcher Begeisterung und welcher Entdeckerfreude die Forscher von damals ihre Wissenschaft betrieben haben.

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